Donnerstag, 4. Juni 2009

Sapere Aude?


Sapere aude?


– Kurzprosa von Philipp Schwenker

Oft saß ich zu Hause und dachte nach. Nicht aus Spaß, weil ich das Träumen liebte – es waren Bücher die ich hätte füllen können mit meinen Gedanken. Teilweise intelligente.
Der Gedanke über ein richtig oder falsch, die Erkenntnis an sich, hatte mich schon immer fasziniert. Aber noch nie so, wie in der Zeit vor meinem Abschluss.
Ich weiß, es klingt lediglich aufrührerisch und wenn man so will angeberisch, aber ich war damals der Meinung, alles was eine Theorie erstellt, erschüttert sie genau so. Actio = Reactio, einfache Physik.
Meine Nerven hingen an einer Form der Theorie besonders: Kunst.
Wann immer ein Gemälde oder Gedicht in reine Zahlen und variablen gefasst wurde, hatte ich etwas daran auszusetzen. Im Nachhinein bin ich froh es aufgegeben zu haben.

Ich wagte es die Logik der Lehrer anzuzweifeln, weil etwas mehrfach interpretierbar ist und der Horizont der Prüfungen nicht größer sei als der Durchmesser des Stifts mit dem sie korrigiert wurden.
Es war ihnen nicht zu verübeln dass sie mich mehrfach mit Zusatzaufgaben belohnten, für den ,,Blödsinn“ den ich doch verbreitete. Ich denke die Herren und Damen Pädagogen hätten es weniger ernst genommen, wenn ich nicht argumentativ vorgegangen wäre, sondern wie, die übrigen meine Gedanken einfach in den leeren Raum gerufen hätte.
Was ich damals für eine Begabung hielt – die Fähigkeit mich auf angemessenem Niveau zu unterhalten - war insofern eigentlich eine Last, die meine Karriere hemmte.
Es war immer ein Traum Journalist oder freier Schriftsteller zu sein, die Welt zu verändern – die Welt zu verbessern. Jedoch waren meine Lehrer der Ansicht, es brauche keine weiteren Idealisten, da die Welt seit dem 18. Jahrhundert schließlich aufgeklärt ist.
Da es allgemein bekannt ist dass Lehrer alles besser wissen, verhielt ich mich so, dass meine Theorien, über die Möglichkeit des richtigen innerhalb der Kunst, meist nicht mehr Gewicht hatten als ein schlichter Kommentar. Für manche, besonders belustigte Mitschüler, die sich über die Entrüstung des Lehrers freuten, war es vielleicht Verschwendung eine mögliche Diskussion im Keim zu ersticken, jedoch bin ich froh, dass es meistens nicht zu einer Ausführung kam. Meistens. Denn meine Liebe zur Literatur und Klassik ließ mich einmal meine Stimme erheben.

Dramen Theorie. Sie machte mich wahnsinnig. Einteilung in bestimmte Akte, Anpassung der Charaktere, Handlungsverläufe – die einzige Einschränkung des künstlerischen Genies, die dermaßen unterschwellig funktioniert.
So in etwa fiel auch mein Kommentar aus, als mein Lehrer uns an das Thema herantasten wollte.
Ungeachtet des roten Kopfes meines Lehrers indoktrinierte ich weiter, bis selbst meine Klassenkameraden glaubten, ich hätte recht.
Meine Meinung wurde jedoch schneller zerstört als die Nerven der Lehrer. Aber wieso? Weil sie es so gelernt haben? Weil ein unglaublich alter Grieche der Langeweile unterlag und sich darauf verstand eine Theorie über eine Kunst zu verbreiteten, die Kunst selbst einschränkt? Vielleicht.
Die Zeit jedoch zeigte, dass diese Theorien, die man wohlgemerkt standartmäßig in der Schule lernt, von Schriftsteller zu Schriftsteller über den Haufen geworfen, neu erfunden und ins Irrationale getragen wurde. Also, wieso nicht? Wieso nicht sagen was man denkt, was richtig sein KANN, was revolutionär sein kann. Wegen einer 4 im Endjahreszeugnis, die die Folge einer in den Sand gesetzten Prüfung war, da ich vehement meine ,,lächerliche“ Meinung vertrat, und einigen Absagen mehr oder weniger renommierten Zeitungen. Vielleicht deswegen.

Doch sie hatten recht. Den Weg, den sie mir bereitet hatten ist besser, könnte nicht besser sein. Denn zum Glück erkannten sie mein Talent für Zahlen und für Computer, Daten und Anwendungen. Damit kann ich mir heute mehr leisten als viele Autoren oder Redakteure. Vielleicht mehr als eine ganze Redaktion. Vielleicht.

Bin ich glücklich? Vielleicht.